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GRUSSKARTENBLOG

Handlettering – mehr als ein Trend. Über die Kunst des Zeichnens von Buchstaben mit der Hand

24. Januar 2020

Verschiedene beschriftete Anhänger

© Petra Wöhrmann

Petra Wöhrmann  ist eine der bekanntesten Lettering Artists in Deutschland. Die Münchnerin hat damit ihre große Passion für das Zeichnen von Buchstaben zum Beruf gemacht. Wir haben mit ihr über spannende Projekte, ungewöhnliche Schreibwerkzeuge und ihren gestalterischen Traum gesprochen.

Frau Wöhrmann, können Sie uns zu Beginn kurz den Unterschied zwischen Kalligraphie und Handlettering erklären?

Die Kalligraphie hat eine lange Tradition. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt: das schöne Schreiben. Kalligraphen haben früher Literatur und heilige Schriften übertragen oder auch Urkunden, Einladungen und Schriftstücke verfasst. Heute ist die Kalligraphie ebenso wie das Handlettering eine Kunstform. Das Handlettering kommt jedoch von letter = Buchstabe und hat seine Historie in der Schriftenmalerei. Hier geht es also eher um das schöne Zeichnen und Konstruieren von Buchstaben als um das Schreiben. Jedoch hat es seine Basis wiederum in der Kalligraphie. Beide sind deshalb eng miteinander verzahnt.

Wie haben Sie Ihre Faszination für das Handlettering entdeckt?

Ich bin ausgebildete Kommunikationsdesignerin und habe mein ganzes Berufsleben gestaltet, vor allem im digitalen Bereich. Dort ist alles sehr konstruiert und strukturiert. Irgendwann fehlte mir das „Handgemachte“. Ich saß zu viel vor dem Computer und habe zu viel auf den Bildschirm gestarrt. Heute konstruiere ich zwar noch immer und sehe alles mit einem grafischen Auge, aber ich mache es mit meinen eigenen Händen und das ist ein richtig gutes und befriedigendes Gefühl. Wahrscheinlich wurde mir die Faszination dafür bereits in die Wiege gelegt. Meine Mutter war Porzellanmalerin und ich habe in meiner Kindheit schon jede Menge Ateliergeruch geschnuppert.

Wie sieht ein typischer Arbeitsauftrag aus?

Es viele verschiedene Arten von Aufträgen. Oft werde ich für das Schreiben von Einladungen an Kunden oder die Presse gebucht, zum Beispiel von großen Modelabels. Oder ich schreibe Briefe im Namen von Firmen an für sie wichtige Personen. Für Verlage gestalte ich Buchcover oder Bücher, etwa das Buch „Handlettering“ von arsEDITION, für Zeitschriften illustriere ich Beiträge, für Restaurants oder Hotels male ich große Menütafeln. Gerade in der Weihnachtszeit gibt es auch viele Live-Events, bei denen ich dann vor Ort – in Geschäften oder auf Veranstaltungen – Karten gestalte oder Widmungen schreibe. Und dann gebe ich noch eigene Handlettering-Workshops in meinem Atelier.

Petra Wöhrmann beim Handlettering

Porträt Petra Wöhrmann © Angelika Güc

Welche Materialien benötigen Sie für Ihre Zeichnungen?

Für klassische Schreibarbeiten verwende ich am liebsten eine Spitzfeder. Dazu eine gute Tinte und das passende Papier. Dass alle drei Faktoren miteinander harmonieren, ist sehr wichtig, damit die Tinte nicht ausblutet. Wenn der Kunde ein Papier auswählt, auf dem die Spitzfeder nicht funktioniert, arbeite ich zum Beispiel mit einem Füllfederhalter. Damit kann man jedoch die Schriftstärken-Unterschiede nicht mehr ganz so stark heraus modellieren. Wenn eine modernere Gestaltung gewünscht ist, schreibe ich oft mit einem Fineliner oder mit dem Pinsel, einem sogenannten Brush Pen. Das ist gerade sehr angesagt. Meine favorisierten Brush Pens sind meistens aus Kunsthaar und haben eine integrierte Tintenpatrone.

Wie lange gelingt es Ihnen, den jeweiligen Stift ruhig in der Hand zu führen?

Das hängt ganz von der Tagesform ab. In meinem Atelier habe ich ein ruhiges Arbeitsumfeld, in dem ich mich gut konzentrieren kann. Das ist die Basis, um möglichst wenig Fehler zu machen. Dazu höre ich gerne leise Klaviermusik oder etwas anderes Chilliges, das mich nicht ablenkt. Man braucht natürlich immer mal wieder eine kleine Pause und manchmal auch eine kleine Handmassage, aber wenn alles stimmt, kann ich durchaus mehrere Stunden schreiben.

Ihr bisher spannendstes Projekt?

Oh, da gibt es einige. Ein tolles Projekt war zum Beispiel ein Auftrag der DIE ZEIT. Ein Artikel zum Thema Handarbeit sollte handschriftlich verfasst und dann gedruckt werden. Ich habe dafür 11.000 Zeichen geschrieben. Ein so langer Text ist eine echte Herausforderung. Dazu bedarf es großer Konzentration und Ruhe. Aber es war eine wirklich originelle Idee und das Ergebnis ist sehr gelungen. Da ist man dann schon stolz. Generell ist es natürlich immer schön, wenn man kreativ sein darf, wenn der Auftraggeber sagt: „Machen Sie mal!“ Da kann man dann auch mal Schriften mixen. Meine Lieblingsschriften sind die wunderbar geschwungenen Schreibschriften Copperplate und die Spencerian, die ich frei interpretiere. Oder man experimentiert mit Schreibwerkzeugen, nimmt mal ein Stück Küchenrolle, mal einen Flaschenhals oder einen Strohhalm.

Haben Sie einen gestalterischen Traum?

Ich möchte meine eigenen Dimensionen sprengen und von Hand große Wände gestalten, mit ausladenden Schriften und Illustrationen. Das werde ich demnächst bei mir zu Hause einmal ausprobieren.

Handlettering liegt gerade im Trend. Glauben Sie, dass die Begeisterung für diese kunstvolle Art des Buchstabenmalens bestehen bleibt?

Schriftkunst als Gestaltungsform wird sicher bestehen bleiben. Sie ist auch keine neue Erscheinung. Buchstabenmalerei auf Tafeln gibt es zum Beispiel schon sehr lange. Der aktuelle Brushlettering-Trend wird sich mit der Zeit jedoch verflüchtigen, da wir uns an diesen typischen Pinselschreibschriften sattsehen werden. Sie werden dann von anderen Buchstabenformen ersetzt werden. Das ist ähnlich wie in der Mode, in der sich die Stile ja auch immer wieder ändern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Handbeschriebene Einladungskarte mit Umschlag

Karten von Hanra, von Petra Wöhrmann durch Handlettering gestaltet © Hanra

 

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